
Sängerin | Festivalkuratorin & Produzentin|
Gründerin der Kulturhaltestelle
Esther
Esther Kretzingers Arbeit verbindet Bühne, zeitgenössische Musik, kuratorische Arbeit, Produktion und Musikvermittlung. Ihre Wurzeln liegen in der klassischen Musik und in ihrer Arbeit als Sängerin. Von dort aus hat sich ihr künstlerischer Weg stetig erweitert, getragen von der Neugier auf unterschiedliche musikalische Sprachen und darauf, wie Musik erlebt, geteilt und neu gedacht werden kann.
Künstlerische Anfänge
Esther studierte Gesang und Musiktheater an der Universität Mozarteum Salzburg und schloss ihr Studium 2008 mit Auszeichnung ab. Sie erhielt die Lilli-Lehmann-Medaille der Internationalen Stiftung Mozarteum sowie Preise bei internationalen Wettbewerben in Wien, Graz und Hamburg und den 1. Preis beim Bundeswettbewerb Gesang Berlin.
Als Sängerin stand sie auf Opern- und Konzertbühnen in Europa und darüber hinaus, darunter am Salzburger Landestheater, im Festspielhaus Salzburg, an der Norwegischen Nationaloper und am Mainfranken Theater Würzburg. Sie arbeitete mit Dirigenten wie Ivor Bolton, Peter Gülke, Markus Poschner, Ola Rudner und Sebastian Weigle. Ihre musikalischen Wurzeln liegen bei Mozart, der Wiener Klassik und im klassischen Repertoire; mit der Zeit erweiterten sich ihr Repertoire und ihre künstlerischen Interessen um Lied, Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, zeitgenössische Performance, Jazz, freie Improvisation und elektronische Musik.
Auch Aufnahmen waren früh Teil dieser künstlerischen Erkundung. Ihr Debütalbum Lieder im Volkston erschien 2011 bei Gramola Vienna mit dem Pianisten Andrej Hovrin und vereinte Musik von Johannes Brahms, Antonín Dvořák, Béla Bartók und Zoltán Kodály. Im Mittelpunkt stand dabei die Verbindung zwischen volksmusikalischen Traditionen und Kunstlied.
Herkunft & Prägung
Esthers Verhältnis zu Orten und Geschichte ist eng mit ihrer eigenen Herkunft verbunden. Als Nachfahrin einer donauschwäbischen Familie in der ungarisch geprägten Region Satu Mare in Transsilvanien geboren und in Bayerisch-Schwaben aufgewachsen, war ihr früh eine Geschichte bewusst, die von Migration und den kulturellen Spuren Mitteleuropas geprägt ist. Während ihres Studiums in Österreich begegnete sie dieser gemeinsamen Geschichte und der kulturellen Landschaft der ehemaligen Habsburgermonarchie erneut, in Musik und Architektur ebenso wie in Landschaft, Küche und Alltagskultur.
Heute lebt und arbeitet Esther zwischen Berlin und Bayern. Der Gegensatz zwischen beiden Orten ist Teil ihrer Perspektive geworden: auf der einen Seite die Intensität, Offenheit und ständige Bewegung Berlins, auf der anderen Landschaft, Geschichte und ein anderes Zeitgefühl. Beides prägt ihre Sicht auf Kultur und die Entwicklung ihrer künstlerischen Projekte. Auch ihre wachsende Leidenschaft für den Weinbau ist Ausdruck dieses Interesses an Landschaft, Tradition und der Kultur, die sich um einen bestimmten Ort entwickelt.
Neue künstlerische Räume
2014 gründete Esther das Weissenhorn Klassik Festival in der historischen Fuggerstadt Weißenhorn in Bayern. Was als kleines Kammermusikfestival begann, folgte von Anfang an einer klaren Idee: Statt gängige klassische Konzertprogramme zu reproduzieren, wollte sie Kammermusik wieder in einem intimen historischen Rahmen erlebbar machen und Programme entwickeln, die von musikalischen Beziehungen, Ideen und Erzählungen geprägt sind.
Während ihre eigene Arbeit zu dieser Zeit vor allem auf Opern- und Konzertbühnen stattfand, eröffnete ihr das Festival einen anderen künstlerischen Raum, einen Raum, in dem sie tiefer nach Charakter und Wesen der Musik suchen und nicht nur ihre Interpretation, sondern auch die Art ihres Erlebens gestalten konnte.
Anfangs zugleich Interpretin und Kuratorin, konzentrierte sich Esther zunehmend auf Programmgestaltung, künstlerische Leitung und die Entwicklung neuer Formate. In zwölf Ausgaben waren bei Weissenhorn Klassik Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt zu Gast, darunter Avi Avital & Omer Klein, Barbara Dennerlein,
Rohan de Saram, Juan José Mosalini, oder Quatuor Diotima. Dabei ist der Fokus auf konzentriertes Zuhören und künstlerische Tiefe über die Jahre geblieben.
Jenseits musikalischer Grenzen
Mit Sound of a Poem, 2018 bei Gramola Vienna auch als limitierte Vinyl-LP erschienen, verband Esther spätromantisches und impressionistisches Lied mit Jazz-Arrangements. Statt sich dem Repertoire über festgelegte historische oder stilistische Kategorien zu nähern, entstand das Album aus dem Hören, dem musikalischen Instinkt und aus der Lyrik selbst, die zum gemeinsamen Ausgangspunkt von Kunstlied und Jazz wurde.
Dahinter stand eine Überzeugung, die für Esther zunehmend an Bedeutung gewann: dass musikalischer Ausdruck nicht durch Genre oder Epoche definiert sein muss.
Sound of a Poem entstand deshalb als eigenständiges künstlerisches Gesamtkonzept und nicht allein als Dokumentation eines Repertoires. 2019 führte der Weg von Sound of a Poem nach Taiwan, wo Goodiscs die Vinyl-Ausgabe in Taoyuan präsentierte. Der Abend verband elektronische Bearbeitungen des Albums mit dem Live-Beitrag eines lokalen Streichquartetts und dem Austausch mit dem Publikum.
Mit REER PROJECT, das Esther 2021 gemeinsam mit dem Geiger Georges-E. Schneider in Berlin gründete, führte sie diese musikalische Offenheit in eine experimentellere Richtung. Erik Satie: Vexations - Un Théâtre Acoustique, 2022 digital beim belgischen Off - Record Label veröffentlicht, griff nicht nur den repetitiven Charakter von Saties Vexations auf, sondern auch seine Nähe zu Absurdität, Satire, Nachtleben und Avantgarde. Stimme, Atem, gesprochener Text und Violine trafen dabei auf Avantgarde, Jazz, Techno und elektroakustische Elemente sowie analoge und digitale Klangbearbeitung. Auch Texte aus Saties selbst gegründeter „Metropolitan Church of Art of Jesus the Conductor“ flossen in die Collage ein, die die ursprüngliche Komposition aufbrach und in eine neue musikalische Welt überführte.
Masterclass & Musikvermittlung
Neben Bühne und kuratorischer Arbeit gehört auch das Unterrichten seit Langem zu Esthers Tätigkeit. Sie gab Meisterkurse und Workshops in Europa und Asien, unter anderem an der Taoyuan Municipal Wu-Ling Senior High School in Taiwan und am China Conservatory of Music in Peking. 2019 lag der Schwerpunkt ihrer Arbeit dort auf Lied und Kammermusik; eine Teilnehmerin bzw. ein Teilnehmer wurde anschließend im Rahmen einer Kooperation mit dem China Conservatory zu einem Auftritt beim Weissenhorn Klassik Festival eingeladen.
Mit der Zeit eröffnete ihr die Arbeit mit jüngeren Kindern noch einmal eine andere Perspektive. Besonders faszinierte sie die Unmittelbarkeit und Neugier, mit der Grundschulkinder Klang und Musik begegnen, häufig noch ohne die Erwartungen und Grenzen, die sich später entwickeln. Aus dieser Erfahrung entstand eine Reihe von Musikvermittlungsprojekten für Grund- und Förderschulen in Bayern, aus denen sich Papageno Musik entwickelte.
Seit 2025 steht das Programm auf eigenen Beinen und bringt professionelle Musikerinnen und Musiker sowie unterschiedliche Formen musikalischen Ausdrucks direkt in die Schulen. Ziel ist es, Kindern unabhängig von Herkunft oder bisherigem Zugang zu Kultur schon früh unmittelbare musikalische Erfahrungen zu ermöglichen und Räume zu schaffen, in denen Zuhören, Neugier und Beteiligung im Vordergrund stehen.
Für Esther geht es dabei auch um das, was Musik über das musikalische Erlebnis hinaus bewirken kann: verbinden, Barrieren abbauen und ein Gefühl des gemeinsamen Wachsens entstehen lassen.
Kulturhaltestelle & neue Wege
2020 gründete Esther die Kulturhaltestelle mit, heute eine unabhängige Plattform für Kulturproduktion, internationale Festivals, Musikprojekte und Dialog mit Sitz in Berlin und Bayern. Sie entstand aus vielen Bereichen, die Esthers Arbeit bis dahin geprägt hatten, und verbindet kuratorische Arbeit, zeitgenössische und experimentelle Musik, Musikvermittlung und internationale Zusammenarbeit. Seit 2026 ist Esther deren Geschäftsführende Künstlerische Leiterin und gestaltet Programme, Projekte und Partnerschaften.
Mit freq.fest entwickelt Esther derzeit ein neues Festival in Berlin, das zeitgenössische Musik mit elektronischen und experimentellen Positionen in einen Dialog bringt.
Der internationale Austausch ist zu einem zentralen Bestandteil von Esthers Arbeit geworden. Durch das Engagement der Kulturhaltestelle in der European Festivals Association steht sie in aktivem Austausch mit Festivalmacherinnen und -machern, Künstlerinnen und Künstlern sowie Kulturorganisationen in ganz Europa. Dabei geht es ihr darum, Kolleginnen und Kollegen über Grenzen hinweg miteinander zu verbinden, Erfahrungen zu teilen und voneinander zu lernen und um die Rolle, die Festivals und unabhängige Kulturinitiativen für ein starkes und verbundenes kulturelles Europa spielen können.
All diese Wege verbindet die Überzeugung, dass Musik etwas möglich machen kann: Neugier, Austausch und Begegnung zwischen Menschen, Erfahrungen und unterschiedlichen Arten des Hörens.
Gemeinsam hören.









